Stillen, Mutterschaft und Karriere: Warum Frauen noch immer benachteiligt werden

„Stillen – ein Sprungbrett fürs Leben“: So lautet das Motto der französischen Weltstillwoche 2026. Eine schöne Erinnerung daran, dass Stillen die Entwicklung eines Kindes unterstützen kann und wie wichtig es ist, Familien in dieser Lebensphase die nötige Unterstützung zu bieten.

Doch wenn wir uns die Situation von Müttern in unserer Gesellschaft ansehen, zeigt sich ein anderes Bild: Mutterschaft eröffnet zwar ein neues Kapitel im Leben, kann aber gleichzeitig die berufliche Entwicklung und finanzielle Unabhängigkeit von Frauen erschweren.

Am 9. September 2026 veröffentlichte der französische Gleichstellungsrat Haut Conseil à l’Égalité (HCE) einen Bericht mit dem Titel „Du plancher collant au plafond de mère“. Darin macht er auf die wirtschaftlichen und beruflichen Nachteile aufmerksam, die Frauen durch Mutterschaft erfahren können. Diese Erkenntnisse werfen auch eine zentrale Frage der frz. Weltstillwoche auf: Wie können Familien ihr Elternsein unter guten Bedingungen gestalten, ohne dass Mütter dafür berufliche Nachteile in Kauf nehmen müssen?

Wir bei Tajinebanane haben uns deshalb genauer mit dem sogenannten „plafond de mère“ und den Ungleichheiten beschäftigt, die sich dahinter verbergen. Und möchten Euch mehr darüber erzählen!

Allaitement et plafond de mère :  quand la maternité freine encore les femmes

Was genau bedeutet „plafond de mère“? 🔎

Die „gläserne Decke“ kennen wir bereits: jene unsichtbare Barriere, die Frauen den Aufstieg in Führungspositionen erschwert. Aber habt Ihr schon einmal vom sogenannten „plafond de mère“ gehört?

In seinem Bericht beschreibt der französische Gleichstellungsrat Haut Conseil à l’Égalité ein Phänomen, bei dem Mutterschaft – ob tatsächlich, vermutet oder lediglich für die Zukunft angenommen – zu einem unausgesprochenen Kriterium bei der Beurteilung von Arbeitnehmerinnen wird. Mit anderen Worten: Frauen können beruflich benachteiligt werden, weil sie Mütter sind, weil sie es eines Tages werden könnten oder weil ihre Arbeitgeber davon ausgehen, dass sie aufgrund familiärer Verpflichtungen weniger flexibel sind.

Das kann sich in schlechteren Aufstiegschancen, einem eingeschränkten Zugang zu Weiterbildungen, weniger Verantwortung oder Zweifeln an ihrer beruflichen Verfügbarkeit äußern. Und manchmal passiert das sogar schon, bevor überhaupt ein Kind geboren wurde!

Der Bericht verwendet auch den Begriff „Mutterschaftsstrafe“ (Motherhood Penalty), um die wirtschaftlichen und beruflichen Nachteile zu beschreiben, die Frauen durch Mutterschaft entstehen. Das Problem ist nicht das Mutterwerden an sich, sondern eine Gesellschaft, in der Elternschaft für Frauen und Männer noch immer sehr unterschiedliche Folgen hat.

Mutterschaft und Karriere: Warum bestehen die Ungleichheiten weiterhin? ⚖️

Laut dem Haut Conseil à l’Égalité verbringen Frauen nach wie vor mehr Zeit als Männer mit Hausarbeit, Kinderbetreuung und der Organisation des Familienalltags. Diese ungleiche Verteilung kann ganz konkrete Auswirkungen auf ihr Berufsleben haben: Sie reduzieren ihre Arbeitszeit, entscheiden sich für eine Stelle, die sich vermeintlich besser mit dem Familienleben vereinbaren lässt, verzichten auf bestimmte berufliche Chancen oder haben Schwierigkeiten, nach dem Mutterschutz wieder in den Arbeitsalltag zurückzufinden.

Was innerhalb einer Familie manchmal notwendig erscheint, kann langfristige Folgen haben. Eine Reduzierung der Arbeitszeit bedeutet nicht nur heute ein geringeres Einkommen, sondern kann auch die beruflichen Entwicklungsmöglichkeiten, die Sozialversicherungsbeiträge und die späteren Rentenansprüche beeinträchtigen.

Der Bericht zeigt außerdem, dass wirtschaftliche Ungleichheiten nicht beim Gehalt aufhören. Sie entstehen auch dadurch, wie Paare ihre Ausgaben aufteilen und gemeinsam Vermögen aufbauen. Frauen übernehmen häufiger die laufenden Alltagskosten, während Männer eher zum Kauf langlebiger Güter und zum Vermögensaufbau beitragen. Mit anderen Worten: Selbst wenn die Familienausgaben geteilt werden, bedeutet das nicht automatisch, dass auch die finanziellen Folgen der Elternschaft gerecht verteilt sind.

Beruf und Stillen: Warum die Unterstützung von Müttern so wichtig ist 🍼

Die finanziellen Folgen der Mutterschaft können weit über den Mutterschutz hinausreichen. Laut einem Bericht des französischen Gleichstellungsrats Haut Conseil à l’Égalité kann die Geburt eines Kindes für Mütter in Frankreich mit einem Rückgang des Erwerbseinkommens um bis zu 40 % einhergehen. Diese Zahl beschreibt die Auswirkungen auf die berufliche und wirtschaftliche Entwicklung von Frauen und bedeutet nicht, dass jede Mutter automatisch 40 % ihres Gehalts verliert.

Besonders deutlich werden diese Ungleichheiten auch bei der Rückkehr in den Beruf. Stillen erfordert Zeit, Flexibilität und manchmal auch eine Umstellung des Alltags: Manche Mütter pumpen während der Arbeitszeit Milch ab, andere passen ihre Arbeitszeiten an oder entscheiden sich für eine Kombination aus Stillen und Flaschennahrung. All diese Entscheidungen und individuellen Lösungen verdienen Respekt und Unterstützung.

Genau hier wird deutlich, wie wichtig das Motto der französischen Weltstillwoche 2026 ist. Denn Stillen zu unterstützen sollte nicht bedeuten, von Müttern zu verlangen, sich noch mehr anzustrengen, damit alles irgendwie funktioniert. Angepasste Arbeitsbedingungen, Möglichkeiten zum Abpumpen und eine gerechtere Aufteilung der elterlichen Verantwortung können dazu beitragen, Mütter wirklich zu entlasten.

Und vor allem sollten wir eines nicht vergessen: Das Stillen ist nicht die Ursache für die beruflichen Nachteile von Müttern. Die Ungleichheiten entstehen durch gesellschaftliche Strukturen, in denen ein Großteil der Verantwortung für Kinder und Familie noch immer auf den Schultern der Frauen lastet. Es geht also nicht darum, von Müttern zu verlangen, all ihre Aufgaben noch besser unter einen Hut zu bringen. Vielmehr müssen wir Bedingungen schaffen, unter denen sie nicht ihre Karriere, ihre Gesundheit oder ihre Unabhängigkeit opfern müssen, um Mutter zu werden.

Wie können wir die Benachteiligung von Müttern überwinden? 💥

In demselben Bericht stellt der Haut Conseil à l’Égalité 45 Empfehlungen vor, um die wirtschaftlichen und beruflichen Ungleichheiten im Zusammenhang mit Mutterschaft zu verringern. Darunter finden sich verschiedene Ansätze, um bestehende Strukturen zu verändern und Familien besser zu unterstützen.

So schlägt der HCE unter anderem vor, Unternehmen mit mehr als 50 Beschäftigten dazu zu verpflichten, die berufliche Entwicklung von Müttern nach dem Mutterschutz sowie drei und zehn Jahre nach der Geburt eines Kindes zu verfolgen. Ziel ist es, mögliche Hindernisse für ihre berufliche Entwicklung frühzeitig zu erkennen und Ungleichheiten sichtbar zu machen, die sonst leicht unbemerkt bleiben.

Der Bericht empfiehlt außerdem, einen Anspruch auf Entlastung und Unterstützung im Familienalltag einzuführen. Eltern sollen dadurch beispielsweise Hilfe bei Behördengängen, der Organisation des Familienlebens, der Suche nach Kinderbetreuung oder beim Wiedereinstieg in den Beruf erhalten können. Weitere Vorschläge betreffen die Bildung: Bereits im Kindesalter sollen Geschlechterstereotype aufgebrochen werden, die beispielsweise Mädchen mit Fürsorge und Hausarbeit in Verbindung bringen.

Wer sich alle Empfehlungen genauer ansehen möchte, findet hier den vollständigen Bericht.

All diese Empfehlungen haben eines gemeinsam: Sie wollen die Verantwortung, die bislang viel zu oft allein bei den Müttern liegt, stärker auf die Gesellschaft als Ganzes verteilen. Denn auch wenn Mütter ihren Alltag selbst organisieren und gestalten können, sind sie nicht in der Lage, die Ungleichheiten in der Arbeitswelt, innerhalb von Partnerschaften und in der Familienpolitik im Alleingang zu beseitigen.

Muttersein sollte Frauen niemals ausbremsen 🫶

Mutter zu werden kann das Leben auf den Kopf stellen: Es gibt so viel Neues zu entdecken, Gewohnheiten verändern sich und neue Bindungen entstehen. Doch gleichzeitig gibt es all die anderen Dinge, die mit diesem neuen Lebensabschnitt einhergehen: die Rückkehr in den Beruf, familiäre Verantwortung, das Einkommen, persönliche Ziele und die Möglichkeiten, die sich für die Zukunft eröffnen…

Kurz gesagt: Mutterschaft sollte niemals ein Hindernis für die finanzielle Unabhängigkeit, berufliche (und persönliche) Ziele oder die Entwicklungsmöglichkeiten von Frauen sein. Und Mütter zu unterstützen, ganz gleich, ob sie stillen oder nicht, sollte nicht allein davon abhängen, wie gut sie sich an ein System anpassen können, das ihnen das Leben nicht immer leicht macht. Denn Familien zu unterstützen bedeutet auch, die Vielfalt ihrer Lebenswege anzuerkennen und dafür einzustehen, dass niemand einen Teil von sich selbst aufgeben muss, um Mutter oder Vater zu werden.

Wenn Stillen also ein Sprungbrett fürs Leben sein kann, dann sollten wir dafür sorgen, dass auch die Mutterschaft für alle Frauen, die sie erleben, neue Möglichkeiten eröffnet – statt sie auszubremsen. 💛